In Interviews lernen wir Menschen besser kennen, sammeln Informationen oder erhalten Expertenmeinungen. Gute Geschichten basieren ebenfalls auf guten Interviews. Was man dafür braucht? Die richtigen Fragen und Methoden. Folgende Techniken aus dem Journalismus haben sich in unserer redaktionellen Arbeit als besonders hilfreich herausgestellt – und lassen sich auch erfolgreich für andere Interviewformate nutzen.

1. Direkte und kurze Fragen stellen

Um präzise und passende Antworten zu erhalten, müssen die Fragen direkt und eindeutig formuliert sein: ohne Erläuterungen, ohne Ausschweifen und ohne Antwortmöglichkeiten. Sobald man die Frage nämlich eingrenzt, schränkt man auch den Gedankenspielraum des Gegenübers ein – und erhält nur eine begrenzte Antwort. Statt: „Was war das Besondere am Projekt? War es die technische Konstellation oder war es der Rollout?“ sollte man die Frage lieber kurzhalten: „Was war das Besondere am Projekt?“

2. Offene Fragen stellen

Als Gesprächseinstieg eignen sich offene Fragen, die gewöhnlich mit “Warum”, “Wie” oder “Was denkst du über…” eingeleitet werden. Diese können nicht einfach nur mit ja oder nein beantwortet werden. Damit regen sie den Befragten zum Nachdenken an und lassen ihn Vertrauen zum Interviewer aufbauen. Dafür empfiehlt es sich außerdem, mit unproblematischen, einfachen Fragen zu beginnen und die thematisch wichtigen Fragen später zu stellen. Eventuell teilt der Befragte so auch kleine Anekdoten oder Zitate. Das wird auch dadurch angeregt, dass man Gefühle berücksichtigt: „Erzähl mir von der Arbeit am Mercedes-Benz Lifestyle Konfigurator. Was fandest du bei diesem Projekt besonders spannend?“ Bei Interviews für Case Studies sind zudem Fragen wie „Warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt?“ oder „Was macht das Projekt einzigartig?“ wichtig, um eine gute Geschichte zu schreiben. Denn eine gute Story basiert auf einer Herausforderung, die am Ende gelöst wird – im besten Fall mit einem Produkt, das einmalig ist.

Geschlossene Fragen sind dagegen im weiteren Verlauf des Gesprächs wichtig, um Fakten oder konkrete Stellungnahmen zu erhalten.

3. Weniger reden – mehr zuhören

Jeder, der schon einmal ein Interview geführt hat, kennt das unangenehme Gefühl der Stille, wenn auf die Frage nicht prompt eine Antwort folgt. Auch hier gilt es: nicht weiterreden, sondern aushalten – auch wenn es schwerfällt. So gibt man dem Befragten ausreichend Zeit, um seine Gedanken zu sortieren und eine fundierte Antwort zu geben.

4. Vertrauen als wichtige Basis

Es ist wichtig, dass sich der Befragte während des Gesprächs wohl und ernst genommen fühlt. Nur so kann er Vertrauen aufbauen und ist bereit, Informationen preiszugeben. Generell rät die UX-Designerin und Content-Strategin Rebekah Cancino dem Interviewer, sich zu entspannen, damit sich dies auf den Befragten überträgt. Außerdem ist ein Vorgespräch ideal, damit sich beide Parteien schon vor dem Interview kennenlernen und den inhaltlichen Rahmen abstecken. Aber auch zu Beginn des Interviews müssen sich die Gesprächspartner aufeinander abstimmen. Der Interviewer testet, wie der Befragte auf bestimmte Arten von Fragen reagiert. Der Befragte urteilt anhand der Fragen, wie gut der Interviewer vorab recherchiert hat. Davon hängt wiederum ab, wie ehrlich und in welchem Umfang er antwortet.

Falls das Gespräch aufgrund von mangelndem Vertrauen nicht wie gewünscht verläuft, hilft es Interesse an der Person zu zeigen. Menschen reden gern über sich. Daher schätzen sie andere Menschen, die Fragen zu ihrer Person stellen, als netter und vertrauenswürdiger ein.

Eine andere Methode stammt von dem Investigativ-Journalisten Wendell Rawls Jr.: Ablenkung, und zwar mit zwei bis drei “junk questions” über ganz andere Themen. Allerdings sollte man dabei nicht komplett zu irrelevanten Themen abschweifen. Diese Methodik eignet sich auch gut für das erste Kennenlernen, da so die Situation aufgelockert wird.

5. Gesten statt Worte

Für eine gute Interviewführung braucht man gewisse Fähigkeiten und Fertigkeiten, die über das Formulieren guter Fragen hinausgehen. Man muss ein guter Beobachter sein: Subtile Änderungen in der Stimme, Mimik und Gestik sowie andere nonverbale Hinweise des Gegenübers sollte man wahrnehmen sowie dessen Verhalten und Stimmung richtig deuten. So symbolisieren z. B. weggedrehte Füße, dass der Befragte die Konversation beenden möchte.

Allerdings gibt es auch Interviews, bei denen man sein Gegenüber nicht sieht: via Telefon oder E-Mail. Für diese Formate lassen sich die genannten Techniken nur bedingt anwenden. Wenn der Befragte ein Format präferiert, sollte man sich dennoch flexibel zeigen.

6. Vorbereitung ist alles

Ob mündlich oder schriftlich – Für alle Formate gilt: „Good interviews follow the two P’s: persistence and preparation.“

So rät der Journalist Jory MacKay dazu, vor dem Interview ein Zielbild zu formulieren, das das gewünschte Ergebnis nach dem Gespräch beinhaltet. Dementsprechend kann man nicht nur gezielte Fragen stellen, sondern auch beim Befragten nachhaken, wenn die Beantwortung der Fragen nicht der Zielformulierung entspricht.

Der nächste Schritt ist eine umfassende Faktenrecherche zu der befragten Person und gegebenfalls dem thematisierten Projekt. A.J. Liebling, Journalist vom Magazin „The New Yorker“, erläutert den Zweck dahinter: „The preparation is the same whether you are going to interview a diplomat, a jockey, or an ichthyologist. From the man’s past you learn what questions are likely to stimulate a response.“

Auf dieser Basis sollte man einen Fragenkatalog vorbereiten. Von wenig über teilweise bis hin zu stark strukturiert: Es gibt verschiedene Interviewformen, die aber mindestens einen Gesprächsleitfaden aufweisen. Umso weniger Fragen vorbereitet werden, desto flexibler und individueller verläuft das Gespräch – aber umso größer ist die Gefahr, den Faden zu verlieren. Daher empfiehlt es sich als Anfänger, vorab die Themen und Fragen argumentationslogisch zu ordnen und die Antworten des Gegenübers zu antizipierenDennoch sollte man während des Interviews aufmerksam auf Details und Äußerungen achten. Eventuell ergeben sich daraus neue Fragen, die das Gespräch in eine neue, konstruktive Richtung lenken. Recherchierte Fakten kann man sich durchaus kurz bestätigen lassen. Der primäre Fokus sollte aber auf spezifischen Fragen liegen, deren Antwort noch nirgendwo steht.

7. Missverständnisse kommunizieren

Das Interview ist ein anspruchsvoller Prozess – für den Fragenden und den Befragten gleichermaßen. Daher sollten beide Gesprächspartner ihre Fragen und Unklarheiten direkt kommunizieren, um Missverständnisse zu klären.

Berücksichtigt der Interviewer die genannten Tipps, so kommt er auch zu seinem gewünschten Ziel: ein erfolgreiches Interview mit wertvollen Inhalten.

Warum Interviews wichtig sind

Bei NOLTE&LAUTH stellen wir Fragen, um Menschen mit ihren Problemen, Themen und Bedürfnissen besser zu verstehen. Deshalb führen wir interne Interviews für unsere Case Studies durch, damit aus bloßen Fakten gute Geschichten mit Zitaten und Anekdoten werden. Als Content-Format nutzen wir Interviews für unseren Blog, da der Text mit seiner klaren Struktur schnell erfasst werden kann. Außerdem haben wir ein paar unserer Mitarbeiter zu ihrer Arbeit bei NOLTE&LAUTH befragt. Das Ergebnis: unsere Dialog-Serie mit sechs Video-Interviews. Es hat sich gezeigt, dass durch Interviews der Content lebendiger, abwechslungsreicher und zudem persönlicher ist.

Wer sich für Interviews im Kontext unserer Kompetenz Service Innovation interessiert, der erfährt hier, wie wichtig die aus Interviews gewonnenen Insights für das Service Design sind.