Wir lesen mehr denn je. Genauer gesagt: Wir lesen mehr denn je digital. Messenger, Social-Media-Plattformen, Playlists — Schrift ist überall und unverzichtbar. Ein Informationsträger und gleichzeitig eines der wichtigsten Gestaltungselemente für Designer.

Deswegen habe ich mich mit Kollegen beim Vortrag “Fonts and Typography for Apps” eingefunden, der im Rahmen des Tech Open Airs am 14. Juli in Berlin stattfand. Mit Freibier und -brezeln bewaffnet sitze ich erwartungsvoll in der dritten Reihe, als der Gastgeber die Bühne betritt. Es ist Jürgen Siebert, Marketing-Direktor von Monotype und Chefredakteur des seit 2014 zugehörigen Fontblogs – ein Typografie-Profi, der den Redner des heutigen Abends vorstellt: Frank Rausch, seines Zeichens User Interface Designer bei Raureif und Dozent für Digitale Typografie an der FH Potsdam. Rausch setzt sich mit Liebe zum Detail mit Schriften auseinander. Das merkt man, wenn er von den „freundlichen Kurven“ der Rooney oder dem „anthroposophischen Touch“ der FF Amman spricht.

Lesbarkeit ist Einstellungssache

Schrift ist überall und unverzichtbar. Am Publikum, zum Gros aus Designern und Entwicklern bestehend, muss Rausch hier nicht viel Überzeugungsarbeit leisten. “Typography makes data processable for humans”, sagt er. Lesbar, professionell und zweckdienlich soll sie sein, natürlich. Und deswegen: “Good typography should be a top priority”. Interessant wird es, als Rausch die Merkmale guter Schrift genauer beleuchtet: Offene Formen und große Mittellängen tragen zur Unterscheidbarkeit der Buchstaben und damit zur Lesbarkeit bei. Die richtige Zeilenlänge sorgt für einen angenehmen Lesefluss; empfehlenswert sind hier 60 bis 70 Buchstaben pro Zeile. Weitere konkrete Handlungsempfehlungen gibt es an diesem Abend leider nicht.

Schrift im digitalen Kontext

Rausch hat sich der digitalen Anwendung von Schrift verschrieben, die ein ganz neues Potential bietet. Im analogen Zeitalter gestaltete der Typograf mit konkreten Inhalten — im digitalen Designprozess hingegen kommt Code zum Einsatz, um Satzregeln für beliebigen Content festzulegen. Anhand der von ihm entwickelten App Viki zeigt Rausch, wie das gehen kann: Die digitale Enzyklopädie zieht Daten aus Wikipedia und stellt sie in einem optimierten Layout dar. “The whole typography is in a piece of code. You design a system”, so Rausch. Suchergebnisse erscheinen beispielsweise als Artikelvorschau mit Anleser, in dem der Suchbegriff hervorgehoben wird. Die Formatierung von Tabellen wurde für mobile Endgeräte von Apple Watch bis zum iPad Pro angepasst. Zudem berücksichtigt die App nutzerspezifische Einstellungen der Schriftgrößen auf jedem Endgerät. Bessere Lesbarkeit und eine hohe Informationsdichte sollen so ein effizientes und erfreuliches Leseerlebnis gewährleisten. Rauschs Ausblick: “Algorithms will replace manual typography.” Auch in der Detailtypografie, also der Gestaltung von Feinheiten des Schriftsatzes, findet Rausch Möglichkeiten, Content automatisch anzupassen. So ließen sich viele Alltagsfehler ganz einfach Code-basiert beheben: Schluss mit Zollzeichen anstatt Anführungszeichen und Divis statt Gedankenstrichen, dazu ein Haarspatium vor dem Doppelpunkt hier, ein korrekter Apostroph da — all das bietet das Post-Schreibmaschinen-Zeitalter laut Rausch und ermöglichst damit versierten Typografen, wieder ruhig zu schlafen, während auch der Laie den wertigeren Eindruck verspüren sollte.

Personalisiertes Kontrastprogramm

Das für mich spannendste Thema hebt sich Rausch für das Ende seines Vortrags auf: das personalisierte Leseerlebnis. Das bedeutet nicht, Schriftgrößen normal, groß oder extragroß einzustellen, sondern die Möglichkeiten kontextsensitiver Endgeräte auszuschöpfen. Die Sensoren moderner Smartphones messen Helligkeit, Temperatur, Feuchtigkeit, Entfernung des Nutzers, Position, Ausrichtung, Geschwindigkeit und Beschleunigung bzw. Schwerkraft. Folgende Fragen ließen sich mithilfe dieses Instrumentariums also schon heute beantworten: Wie groß ist die Entfernung zwischen Auge und Bildschirm? Bewege ich mich momentan? Ist es hell oder dunkel? Ruhig oder laut? Wo bin ich und wie ändert sich meine Umgebung? Regnet es beispielsweise? Bezieht ein Algorithmus diese Fragen bei der Darstellung von Schrift mit ein, kann für den User das Leseerlebnis durch Anpassung von Kontrast, Farben, Schriftgröße und Abständen signifikant verbessert werden.“Good typography should be a top priority”, hat Frank Rausch zu Beginn gesagt. Wie man das dem Kunden verklickert, fragt ein Zuhörer in der anschließenden Fragerunde. “It is expert work”, springt Gastgeber Jürgen Siebert in die Bresche, “If it’s well done, it has an effect.” Algorithmen auf der einen Seite also, Experten-Arbeit auf der anderen. Mal sehen, was bei allem Fortschritt von Letzterem übrig bleibt.

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