Warum bekomme ich diese eine Szene einfach nicht aus meinem Kopf? Warum bringt mich dieser alte Witz immer wieder zum Lachen? Und warum kann ich es kaum erwarten, endlich die nächste „Homeland“-Folge zu sehen? Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen haben alle einen gemeinsamen Kern: die gelungene Story!

Wir kriegen nicht genug von ihnen. Geschichten begegnen und berühren uns täglich: Lange Schlangen an den Kinokassen, vergriffene Erstausgaben im Buchladen, Gags und Virals mit Bauchmuskelkater-Potential. Wir hören sie, wir geben sie weiter – und manche lassen uns einfach nicht mehr los.

Gute Geschichten gab’s schon in der Steinzeit

Auf der Suche nach dem Grund für die lange Halbwertszeit mancher Geschichten entdeckte ich, dass das Thema den Menschen seit jeher fasziniert – angefangen bei Höhlenmalereien. Wir alle wollen Geschichten hören, wir sind süchtig nach ihnen und wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen. Wir wollen Informationen, aber bitte immer schön verpackt in Geschichten. Und so verwundert es nicht, dass sich dem Thema bereits Scharen von Wissenschaftlern und Experten widmeten. Zum Beispiel in Form der „Heldenreise“ nach Joseph Campbell, der „Seven Basic Plots“ nach Christopher Booker oder des „Do Story“ nach Bobette Buster, die es wie keine andere schafft, das Auge für das Wesentliche zu schärfen und Dinge offen zu lassen, die keiner weiteren Beschreibung bedürfen.

Das Fazit meiner Recherchen und Lektüre: Wenn ich es schaffe, gute Geschichten zu erzählen, hören mir die Menschen zu. Wenn ich es schaffe, Komplexes zu vereinfachen, die Aufmerksamkeit meiner Zuhörer zu gewinnen und vor allem aufrechtzuerhalten – dann kommt meine Botschaft an.

Doch wie schreibe ich eine gute Geschichte?

Geschichten bestehen aus Archetypen, sie erzählen von unseren Ur-Bildern, von unseren tiefsten Wünschen und Sehnsüchten. Extreme Erfahrungen, ergreifende Gefühle, tief verwurzelte Bilder stecken in ihnen. Wenn wir es schaffen, von diesen Ur-Geschichten zu sprechen, hört man uns zu.

Doch wie entwickle ich eine gute Geschichte mit wirksamer Botschaft? Warum „funktionieren“ manche Bilder, Bücher, Filme oder Witze so gut? Warum sind es Bilder wie „Guernica“ von Picasso, die uns ergreifen? Oder um noch ein gelungenes Beispiel zu nennen: Warum wirken Spots wie „Sag es mit Deinem Projekt“ von Hornbach emotional so extrem gut – obwohl dieser ganz ohne Dialog auskommt?

Wie funktioniert Storytelling?

 

Finde den Kern oder schweige für immer

Gerade in unserer Branche erreichen uns oft Briefings, bei denen jede Feature-Liste im App-Store vor Neid erblassen würde – eine Unmenge an Vorzügen ziert die Produktbeschreibung. Doch blickt man ein kleines Stück über den Tellerrand hinaus in Richtung Wettbewerb, folgt oftmals rasch die Ernüchterung: 99% der besagten Features stecken bereits in Konkurrenzprodukten. Aber was ist mit diesem einen Prozent? Macht es das Produkt besonders? Man begebe sich also auf die Suche nach dem Kern, dem Detail, dem einzigartigen Vorzug – und mache diesen zum Mittelpunkt der Geschichte.

Achtung! Jetzt kommt der Plot!

Sobald der Kern gefunden ist, gilt es, drumherum die Geschichte zu spinnen. Die Suche nach dem passenden Plot beginnt. Der eingangs erwähnte Journalist Christopher Booker hat für diesen Vorgang eine Methodik entwickelt. Über 34 Jahre hinweg hat er Geschichten, alte Volksmärchen, Mythen, Romane bis hin zu modernen Filmen analysiert. Sein Fazit: Im Prinzip beruhen Geschichten stets auf einem von insgesamt sieben archetypischen Motiven – sogenannten Plots:

Überwinde das Monster. Das Gute gegen das Böse. Der Held muss gegen den Teufel, das Ungeheuer, den Feind ankämpfen.
Beispiele: Herr der Ringe, Godzilla, Der weiße Hai, David gegen Goliath

Vom Bettler zum König. Die Sehnsucht zu werden, wer man wirklich ist.
Beispiele: Rocky, Das Streben nach Glück, Aschenputtel, Real Beauty – Dove, Johnnie Walker Brandstory

Suche, Auftrag, Mission. Oder einfach nur die Welt retten.
Beispiele: James Bond, Odyssee, If you can imagine it you can build it – Hornbach, Make it count – Nike+

Reise und Rückkehr. Geworfen in eine fremde Welt.
Beispiele: Inception, Robinson Crusoe, Cast Away, Happiness Factory – Coca Cola

Komödie. Eine erheiternde Geschichte, meist mit „Happy End“.
Beispiele: Pretty Woman, Vier Hochzeiten und ein Todesfall

Tragödie. Der Protagonist erfährt einen Konflikt an dem er immer scheitert – und den er meist auch nicht überlebt.
Beispiele: Romeo & Julia, Scarface

Wiedergeburt. Der Protagonist durchlebt eine extreme Veränderung, die ihn oft zu einem besseren Menschen macht.
Beispiele: Shawshank Redemption, Froschkönig

Man nehme also einen passenden Plot, beschreibe den Konflikt, die Situation, die Polarität, lasse zwei Ideen kollidieren und wecke so die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Aktivierende Verben helfen, ebenso direkte oder indirekte Informationen zu Ort, Zeit und Situation. Und natürlich gilt auch hier wie immer: So kurz und knackig wie möglich – es geht um die Essenz der Story!

Was macht die Story noch besser?

Nun gilt es, zu reflektieren: Was begeistert an der Idee? Fesselt die Story und löst sie die gewünschten Emotionen aus? Würde sie durch ein dramatisches Element, zum Beispiel einen Cliffhanger oder eine überraschende Wendung, noch wirksamer? Durch all diese Aspekte schafft man eine direkte Verbindung zum Leser, Zuhörer oder Zuschauer und verwandelt eine Geschichte in ein spürbares Erlebnis, das sich einbrennt.

Und jetzt heißt es schreiben, schreiben, schreiben. Laut vorlesen, korrigieren, umschreiben, kurz durchatmen – und die Geschichte hinaus in die Welt tragen.